Hinweg aus Deutschland gehöre ich


Bayern online.de 14.1.2019


Wagner blieb auch in Biebrich ein Europäer. So muss man Dieter David Scholz verstehen, den Publizisten und Opernkritiker, der seit vielen Jahren über Wagner schreibt und letztens – basierend auf seiner Wagnerbiographie - in einem Vortrag Wagners europäischen Lebensweg konzis zusammenfasste. Herr von Soden hat den Text zum Druck befördert; er mag als kleine Granate im Kampf gegen all die Wagnerapologeten und -gegner dienen, die in Wagner einen treudeutschen Konservativen sehen. „Unter Deutsche war Wagner ein Missverständnis“, das meinte schon Nietzsche, der wusste, dass Wagner im Grunde ein heimatloser Weltenbummler war, der seine Stoffe am allerwenigsten aus deutschen Landen bezog. Das antike Griechenland, die Opernstadt Paris, das antideutsche Gegenmittel Italien, die Schweiz als Produktionsort – Wagners Himmelsrichtungen unterlagen nicht dem Zufall, sondern der Sehnsucht, Deutschland zu fliehen, um sich ein ideales Deutschland zu erträumen. „Wagner war kein Bayreuther“, auch kein Biebricher (auch wenn er dort längere Zeit wohnte) – aber in Bayreuth hat er, auch durch die spannende Buchpremierenwoche der Markgrafen-Buchhandlung, eine Art von Heimat gefunden.



Frank Piontek


Bayern online.de 14.1.2019


Zweifellos war es Friedrich Nietzsche, der den Künstler Richard Wagner und dessen Werk zuerst als europäisches Ereignis wahrnahm. Thomas Mann und Hans Mayer folgten ihm später hierin – ebenfalls lange bevor die monumentalen Ausgaben der Briefe Richard Wagners (1967 ff.) sowie seiner kompositorischen Werke (1970 ff.) zu erscheinen begannen und die Tagebücher Cosima Wagners kritisch ediert waren (1976).
In den Jahrzehnten seither hat nicht nur die Biographik zu angemesseneren Einschätzungen der vertrackten Zusammenhänge in Wagners turbulentem Künstlerdasein geführt, als dies je zuvor der Fall war, sondern auch die literarische und szenische Rezeption seiner Bühnenwerke erreichte endlich ein Niveau, das ihrer Komplexität nahekommt. Aber: Trotz aller Rehabilitationen und Richtigstellungen – Wagner, der Europäer, ist weiterhin ein Unbekannter geblieben.

Der Text des vorliegenden Buches entspricht einem Vortrag, den David Dieter Scholz, eingeladen vom Richard Wagner-Verband München, am 12. Juni 2010 im Künstlerhaus am Lenbachplatz gehalten hat.

Den Europäer Wagner spürt der Verfasser auf in dessen äußerlichen Lebensaktivitäten – dem permanenten Unterwegssein des Künstlers –, seinen Selbstzeugnissen – Briefen, autobiographischen Arbeiten, den Tagebüchern Cosimas –, theoretischen Schriften, den Stoffen, derer er sich annahm – sowohl in seinen „kanonisierten“, als auch in den kaum bekannten Werken („Die Feen“, „Das Liebesverbot“) und nicht realisierten Projekten (z. B. „Die Sieger“).
Erstaunliches Fazit: Wagner wurde nicht irgendwie und erst allmählich zum Europäer, sondern war es „von Anfang an“ – schon der 21-Jährige hatte klare, transnationale Ambitionen und verfolgte sie bis zum Lebensende.
Was Scholz sichtbar macht, ist mehr und Anderes als Nietzsche, Thomas Mann und Hans Mayer im Auge hatten. Bei alledem wird nicht versäumt, auch das signifikant Undeutsche zu dokumentieren, das Wagners Wesen kennzeichnet. Genauer: Sein tatsächliches Format.
Es wäre viel gewonnen, wenn die vorliegende Vortragsedition dazu beitrüge, landesübliche Engstirnigkeiten zu überwinden und eingefahrene Fehlurteile zu revidieren.


Zum Autor:

Dr. Dieter David Scholz, geboren in Lindau (Bodensee), aufgewachsen im nahen Nonnen-horn, erste Schulzeit in Kairo/Ägypten, Studium der Germanistik, Philosophie, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte u.a. in Bonn. Promotion 1992 bei Peter Wapnewski in Berlin über „Richard Wagners Antisemitismus“. Zwischenzeitlich erste Gehversuche beim Bayerischen Rundfunk (Volontariat). Seit 1985 journalistische Existenz im damals noch eingemauerten, aber freien „West“-Berlin. Reüssierte im SFB (u.a. „Klassik zum Frühstück“) als Hörfunk-journalist. Zeitweise rege Tätigkeit in der Tagespresse (Frankfurter Rundschau, Süddeutsche Zeitung, DIE ZEIT u.a.). Seither fester freier Mitarbeiter (Redakteur, Moderator, Journalist) im MDR. Korrespondent (internationales Opernleben, Musikfestspiele etc.), Kritiker, Journalist für die meisten ARD-Rundfunkanstalten (ORB, NDR, WDR, SWR, BR, MDR, DW, SWR, RBB). Tätig aber auch für die Fachpresse („Opernwelt“, „FonoForum“, „Das Orchester“, „Neue Zeitschrift für Musik“ u.a.) als Autor und Musikjournalist, Rezensent kulturhistorischer und Musikliteratur, und als „Spezialist“ in Sachen Musiktheater, vor allem Richard Wagner. Regelmäßige Vorträge, Livemoderationen, Roundtable-Diskussionen, Künstler-Gespräche und Talkshows vor Publikum. Mitglied im künstlerischen Beirat der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt Jurymitglied der Opernwelt-Kritikerumfrage Jurymitglied des Preises der Deutschen Schallplattenkritik Publikationen: „Richard Wagners Antisemitismus“ (Neuauflage 2000). „Ein deutsches Mißverständnis. Richard Wagner zwischen Barrikade und Walhalla“ (1997) und „Mythos Primadonna. 25 Diven widerlegen ein Klischee“ (1999), „ ‚Kinder! schafft Neues!‘ – 125 Jahre Bayreuther Festspiele, 50 Jahre Neubayreuth“ (2001), „Mythos Maestro“ (2002), alle im Berliner Parthas Verlag. In Arbeit: "Richard Wagner. Biographie eines Europäers" (2005). Diverse Programmheftbeiträge für verschiedene Opernhäuser im In- und Ausland.