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Fotos: Privat
Klarstellung zweier gastronomischer Wagner- Missverständnisse
Luzern muss ich loben, eine großartige Stadt an einem malerischen See. Im dortigen Hotel „Schweizerhof“ eine noble Adresse, in der schon Richard Wagner abstieg, stellte ich auf Einladung der Schweizerischen Richard Wagner-Gesellschaft mein Buch über „Wagner den Trinker“ vor - mit atemberaubendem Blick aufs Alpenpanorama in einem neobarocken Salon in drittem Barock. Die Schweizer Wagnerianer waren sehr gut informiert, sehr gesprächig, sehr humorvoll und sehr großzügig. Nach meinem Vortrag hatte die Schweizerische Richard Wagner-Gesellschaft eingeladen zum Essen in einem besonderen Chinesischen Restaurant, dem «Li Tai Pe», das mit einer Tafel über dem Eingang wirbt, auf der steht: “Stammlokal Richard Wagenr´s“. Das ist natürlich irreführender Unsinn. Der Luzerner Journalist Karl Bühlmann hat darüber aufgeklärt:
„Nach getaner Einkaufstour kehrt Richard in seinem Stammlokal „Dubeli“ in der Furrengasse ein. Eine Mass Bier oder deren zwei gehören zum Gewohnheitsrecht. Er vertieft sich in die neuesten Intelligenzblätter und unterhält sich mit anderen Gästen aller Gattung. Aus der Bierhalle wird hundert Jahre später das „Li Tai Pe“, das erste China-Restaurant seiner Art der Schweiz. Die Initiative geht von Robert Chi aus, einem pensionierten Diplomaten, der in Bern im Dienst von Chiang Kai-skek stand, den Gegenspieler Mao Zedongs und langjährigen Alleinherrscher auf Taiwan. Die heute vor dem Haus Nr. 14 auf Werbetafeln angepriesenen „Curry mit Rindfleisch/Crevetten“ oder „Gebratene Eiernudeln mit knuspriger Ente“ wären nicht nach Richards Gusto. Dennoch ist der berühmte Stammgast für das Etablissement als Werbeträger willkommen, wenn auch mit chinesischer Apostroph-Setzung. „Stammlokal Richard Wagner’s“. Neben der ehemaligen "Bierhalle Dubili" in der Furrengasse 16 besuchte Wagner noch das "Schwanen-Restaurant", das es noch heute gibt, nicht weit von den Ufern des Luzerner Sees..
Ein zweites Missverständnis betrifft das Lokal „Eule“ in Bayreuth. Es wird immer wieder behauptet, es Wagners Bayreuther Stammlokal gewesen sei. Das stimmt nicht. Wagner war Stammgast im Lokal Angermann. Er kam oft nach seinen Spaziergängen mit seinem Hund Russ in den Wirtssaal und setzte sich an das sogenannte Kutschertischchen, rauchte eine Zigarre und trank ein Glas Bier. Das tat er meistens langsam und schweigend. Er aß mit Vorliebe Brotzeiten, und dazu hatte er sein eigenes Besteck mit Elfenbeingriff und zwei Tellern. Auch trank er nur aus seinem Stammglas. Die Tradition der Stammgläser/-krüge gibt es in einigen Wirtshäusern auch heute noch. Darüber hinaus speiste der Genussmensch Wagner gelegentlich im Hotel Goldener Anker die Hummerplatte mit Feigen.
Die historische Gaststätte Angermann in der Bayreuther Kanzleistraße, bekannt als legendäre Künstlerkneipe zu Wagners Zeiten und Treffpunkt für Festspielkünstler, von Künstlern auch „die Katakomben“ genannt, musste dem Neubau des Bayreuther Postgebäudes weichen, und Wagner trank sein Bier daraufhin auch in der "Eule", so liest man oft. Es ist jedoch eine durch nichts bewiesene Behauptung.
Auch das damals führende Festspiellokal von Christian Sammet im Alten Schloss hatte geschlossen, sodass der Stern der seit 1893 von Gastwirt Hans Meyer geführten "Eule" als Künstlerkneipe daraufhin endgültig aufging. Bierfreund Wagner war da schon längst tot. Es sind aber Kammersänger wie Hans Breuer, Loisl Burgstaller oder der Heldentenor Julius Kniese, die halfen, diesen Ruf zu begründen und zu verfestigen.
Die Berichte über Wagner und das Lokal „Eule“ sind zahlreich und widersprüchlich., ja zum größten Teil reines Jägerlatein. Man weiß nicht, ob Wagner jemals in der „Eule“ war. Darüber gibt es keinerlei gesicherte Nachweise und Dokumente.
Seinen Namen verdankt das Gasthaus dem Schuhmachermeister Johann Matthäus Eule, der zum Bierwirt umsattelte und in die einstige Ochsengasse einzog. Später 1843 übernahmen Ehefrau Ursula und Schwiegersohn Wilhelm Adler das Regiment, wie in der Chronik der „Eule“ zu lesen ist. Die Aufzeichnungen reichen bis ins Jahr 1444 zurück. Ein Kuntz Kröpfel bewohnte das Haus, danach Tuchscherer, Trompeter, Bäcker und Weber sowie eine Badmagd und ein Schulmeister. 1605 und 1621 fiel das Gebäude den beiden Stadtbränden zum Opfer. Danach zogen Sattler, Schuster, Schneider und Beutler ein. Und 1739 sogar ein Kammermusicus namens H. Roming.
Richard Wagner kam 1871 nach Bayreuth. Im Jahr 1876 wurden die Bayreuther Festspiele mit dem Ring des Nibelungen eröffnet. Die Vorliebe für süffiges Bier habe ihn zunächst zu einem täglichen Dämmerschoppen zum „Angermann“ in der Kanzleistraße getrieben, wird berichtet. Das Zitat "Triffst Du mich nicht zu Hause an, bin ich gewiss beim Angermann", ist ebenso überliefert. Der Komponist pflegte zwischen 17 und 18 Uhr zu erscheinen. Als in der Kanzleistraße das neue Bayreuther Postgebäude entsteht, wurde Richard Wagner in der „Eule“ Stammgast. So liest man immer wieder. Niemand kann das belegen.
Die "Eule" wurde zur Stammkneipe von Wagners Sohn Siegfried. Später dann, beim Neubeginn der Festspiele 1924 galt sie als "alleinige Wagner-Gaststätte" die war beliebter Treffpunkt von Sängern, Musikern, Dirigenten und Wagner-Enthusiasten – vor allem während der Festspielzeit nach den Vorstellungen. Das "Neu-Bayreuth" des Brüderpaares Wieland und Wolfgang Wagner führte dann in den 1950-er-Jahren zu einer erneuten Renaissance der „Eule“. 1967 erwarb Johanna Heise die "Eule" und brachte sie noch einmal zum Glänzen. Doch das Wirtshaus hatte seine besten Jahre hinter sich, es begann der Niedergang. Es wurde schließlich zum Sanierungsfall, bis hin zur diagnostizierten akuten Einsturzgefahr. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gewog musste in die Bresche springen und die "Eule" 2009 kaufen, um das morbide Gebäude vor dem endgültigen Verfall zu retten. Die Sanierung wurde beinahe zu einem Alptraum. Sanierung und Umbau des denkmalgeschützten Hauses kostete die Gewog insgesamt 2,4 Millionen Euro. Koch und Küchenmeister Harald Kaiser, ein gebürtiger Röslauer, arbeitet daran, die "Eule" wieder zum Kultlokal zu machen. Die Speisekarte des neuen Patrons ist inspiriert von den Hunderten zwischenzeitlich eingelagerten Bildern von Stars und Prominenten, die - versehen mit handsignierten Widmungen - wieder an den Wänden des Restaurants hängen: Furtwängler, Toscanini, Knappertsbusch, von Karajan, Martha Mödl und Anja Silja, René Kollo und Peter Hofmann. Die Menüauswahl ist aber auch angelehnt an Christian Sammets Künstlerlokal "Café im Alten Schloss" von 1892: So gibt es in der Richard-Wagner-Stube, im Cosima-Wagner-Zimmer oder im gerade neu eröffneten Biergarten Kreationen wie "Nibelungensuppe", "Goldschatz im Rhein", "Sentas Traum" oder die berühmten Bayreuther "Blauen Zipfel", angeblich die Leibspeise Richard Wagners. Das ist reiner Quatsch.
Über Wagners kulinarisches Verhalten wurde schon viel Unsinn erzählt. Ich habe darüber ausführlich geschrieben in meinem Buch „Gott, wenn ich nur recht viel Champagner habe“ Richard Wagner: Bonvivant, Gourmet, Pumpgenie und Trinker.