Anny Schlemm

Die Boulotte vom Dienst

Nachruf auf Anny Schlemm

 

Ihre Karriere war lang, vielseitig und erfolgreich. Jetzt ist sie im Alter von 97 Jahren verstorben. Die „Grischern von de Hirddegass“ – wie die junge Schlemm, ob ihrer Stimmbildungsproben bei offenem Fenster – von der Nachbarschaft ihres Heimatortes genannt wurde, avancierte zu einer der großen, unverwechselbaren  Sängerinnen des deutschsprachigen Raums. 


Sie war als Gesangsinterpretin nie routiniert, sie hat nie nur "schön" gesungen, das hat ihr Walter Felsenstein ausgetrieben, sondern immer mit Charakter, intelligent in der Gestaltung, wo gefordert mit Witz und ironisch, aber immer präzise und immer markant, ausdrucksscharf.


Während ihrer über 50 Jahre andauernden Bühnentätigkeit hat Anny Schlemm mehr als 135 Partien verkörpert, eigenwillig, mit Ecken und Kanten. Ihre Stimme entwickelte sich vom lyrischen und jugendlich-dramatischen Sopran über das Mezzo-Fach bis hin zum dramatischen Alt.


 Geboren wurde Anny Schlemm in Neu-Isenburg/Hessen und erhielt ihre Gesangsausbildung in Halle an der Saale. Elenor Sadowska und Erna Westenberger waren ihre Lehrerinnen. Allerdings genoss sie den Gesangsunterricht nur ein halbes Jahr. Sie war ein Naturtalent, sagte sie mir bei einem unserer Gespräche „Der liebe Gott  hat mir die Stimme in den Hals gesch…!


25 Jahre hindurch habe sie Sopranpartien gesungen. Dabei wollte sie , eigentlich Altistin werden. Es kam anders. Bereits im Alter von 17 Jahren wurde sie an das Landestheater ein Halle engagiert. 1946 debütierte sie als Nanette in Lortzings "Der Wildschütz," es folgten Zerlina in Mozarts "Don Giovanni",  Sophie in Strauss’ "Der Rosenkavalier," Ännchen in Webers "Der Freischütz", die Titelpartie in Orffs "Die Kluge "sowie Despina in Mozarts "Cosi fan tutte". Sie war enorm fleißig.


Ab 1949 wurde Anny Schlemm an die Komischen Oper Berlin verpflichtet, wo sie – zur , Meisterschülerin von Walter Felsenstein avancierte. Sie wollte eigentlich „Carmen“ singen, aber Felsenstein stellte sie sich ganz anders vor als Anny Schlemm. Sie debütierte schließlich bei Felsenstein als Viola in  Arthur Kusterers „Was ihr wollt“. In weiteren Felsenstein-Inszenierungen gestaltete sie u.a. Cherubino in Mozarts Die Hochzeit des Figaro, Micaëla in Bizets "Carmen", Agathe im "Freischütz" und Desdemona in Verdis "Othello".


Nebenher hatte sie übrigens auch an der Staatsoper gesungen. Joseph Keilberth schätzte sie sehr. Manchmal hat sie mittags an der Staatsoper gesungen, abends in der Komischen Oper, sie konnte sich lange nicht auf ein Haus festlegen.


Irgendwann ertrug sie – trotz der Tatsache, dass sie viel von ihm“ gelernt hatte,  die Bevormundungen  Felsensteins nicht mehr. „Felsenstein  war ein Despot.“    Wortverständlichkeit sei sein oberste Gebot gewesen. Der Gesang, die Stimme hab immer im Hintergrund gestanden. „Das war nicht immer leicht. Aber er hatte genaue und präzise Konzepte“ Er habe sie gnadenlos durchgesetzt. „Aber dennoch betrachte ich Felsenstein als meinen Ziehvater.“  Er habe das, was in ihr gesteckt habe, geweckt und gefördert, aber er habe sie auch ausgenutzt, versicherte sie mir. „Deswegen bin ich ja auch von im weggegangen. … Bei ihm wäre ich zugrunde gegangen.“


Daher wechselte sie 1951 nach Köln und 1952 ins Ensemble der Oper Frankfurt. Georg Solti schätzte und förderte sie, hatte ihr ein Angebot gemacht, dem sie nicht widerstehen konnte. „An der Komischen Oper lag das Schwergewicht immer auf dem Szenischen, in Frankfurt eindeutig auf dem Musikalischen. Ich lernte von Solti ungeheuer viel.“

Nach ihrem Wechsel ins Mezzo-Fach sang sie Partien wie Herodias in Strauss‘ "Salome", die Küsterin in Janáceks "Jenufa", Mrs. Quickly in Verdis „Falstaff", die alte Gräfin in Tschaikowskys "Pique Dame," Ulrica in Verdis "Un ballo in maschera "und die Mutter in Fortners "Bluthochzeit". 1989 wirkte sie u.a. in der Uraufführung von John Cages "Europeras 1&2 "mit und feierte in über 175 Vorstellungen nicht nur in Frankfurt große Erfolge als Klytämnestra in der Strauss-Oper "Elektra". Irgendwann sang sie nur noch kleine Rollen. Als ich sie daraufhin ansprach, meinte sie energisch: „Es gibt keine kleinen Partien. Selbst wenn ich nur einmal über die Bühne gehe, muss ich mich doch ganz einbringen. Es geht immer um das Ganze. Und ein Stück funktioniert ja nicht ohne die kleinen Rollen.“


 Ab 1963 gab Anny Schlemm über zwei Jahrzehnte lang in 275 Gastspielaufführungen die Boulotte in Felsensteins Inszenierung von Offenbachs „Ritter Blaubart“, u.a. in Moskau, Stockholm und Budapest. Weitere Engagements und Gastpiele verbanden Anny Schlemm mit der Staatsopern von München, Stuttgart, Hannover, Hamburg und Berlin sowie den Opernhäusern von Köln, Düsseldorf, Dresden und Wien. Auch sang sie in Amsterdam, Genf, Paris, London, Barcelona, Rom, Toronto und San Francisco. Daneben war sie bei den Festspielen von Schwetzingen, Edinburgh und Glyndebourne zu Gast und verkörperte 1978 in Bayreuth die Mary in Wagners „Der fliegende Holländer“. An der Komischen Oper Berlin sang sie in den letzten Jahren die Amme in Goldschmidts „Der gewaltige Hahnrei“, die Babaricha in Rimskij-Korssakows „Das Märchen vom Zaren Saltan“ sowie die „Pique-Dame“-Gräfin. In Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ übernahm Anny Schlemm die Partie der Öffentlichen Meinung.


Bis zu ihrer Pensionierung 1994 ist sie im Ensemble in Frankfurt geblieben. Die Bühne sei für sie wie eine Droge, gestand sie mir, sie habe Angst aufzuhören. Die Bühne halte sie jung. Fast das ganze Leben habe sie mit ihrer Mutter zusammengelebt, aber das Theater sei ihre Familie gewesen. Jeder habe sie Anny genannt. „Eine Primadonna war ich nie… Ich bin immer auf dem Boden geblieben“.

Anny Schlemm hinterlässt zahlreiche eindrucksvolle Schallplatten-Einspielungen. 

Wer sie je auf der Bühne erlebt hat, vergisst sie nicht.


Auch in: "Der Opernfreund"