Die Vestalin Berlin

Foto: Stephan Rabold

Gaspare Spontinis Oper über Pflicht und Liebe als politisches Lehrdrama über Gewalt, Unterdrückung der Frauen und theokratische Machtausübung

 

 

 

„La Vestale“ (Originalbezeichnung: " Tragédie lyrique" in drei  Akten von GHaspare Spontini mit einem Libretto von Victor-Joseph Étienne de Jouy bescherte Gaspare Spontini 1807 im napoleonischen Paris den bis dahin größten Erfolg seines Lebens. Von 1820 bis 1841 leitete er als Preußischer Generalmusikdirektor die Königliche Oper in Berlin. Sein Werk wurde  eine der erfolgreichsten Opern des 19. Jahrhunderts. Seine Musik beeinflusste Komponisten wie Richard Wagner und Hector Berlioz. An der Berliner Staatsoper wird das Werk verdienstvollerweise  ausgegraben, auch wenn es sich um eine Übernahme aus Paris handelt. Carlo Rizzi hat die musikalische Leitung, für die Inszenierung ist Lydia Steier verantwortlich.

 

 

Wagner kannte Spontini gut, wer kannte „La Vestale“ zur Wagnerzeit nicht? Die Oper trat seit der Uraufführung 1807 in Paris einen legendären Siegeszug durch die europäischen Städte an. Wagner selbst hatte Spontini 1844 nach Dresden eingeladen, seine Oper „La Vestale“ zu dirigieren.  Spektakuläre Massenszenen, große Chortableaus, musikalische Raumwirkungen durch (Fern-) Orchester auf der Bühne,  psychologische Ausgestaltung und dramatische Expressivität der ungeheuer schwierigen Hauptpartie der Julia, ganz zu schweigen von der fantasievollen Instrumentation und Satztechnik machten die Oper zu jener Zeit zu einem anspruchsvollen Ausnahmewerk.

 

Zur Handlung: Die Vestalin, Priesterin der Göttin Vesta, widersetzt sich dem „heiligen Gesetz“ und dem Hohepriester als dessen Hüter. Ihrem sterbenden Vater hat sie versprochen keusch zu bleiben und als Priesterin der Vesta ihr Dasein zu fristen. Die Vestalin Julia ist bereit, das ihr auferlegte Gesetz zu brechen und lässt ihren geliebten Licinius an den Ort, wo sie nachts ein heiliges Feuer bewachen muss. Julia folgt ihrer Liebe und damit der Natur des Menschen. Für die Oberste Vestalin hingegen ist die Liebe „ein barbarisches Monster“ und Feindin der Göttin Vesta, deren unaufhörlich brennende Flamme die keusch lebenden Vestalinnen zu schützen haben. Sie wird zwar im zweiten Akt zum Tode verurteilt, aber Trotz der Bitten des Licinius, mit Julia gemeinsam lebendig begraben zu werden, die er dadurch bekräftigt, dass er der Eindringling in den Tempel war, behauptet Julia ihn nicht zu erkennen. Ein Gewitter folgt, während der Blitz die heilige Flamme erneut entzündet. Dies wird als ein Zeichen der Götter gedeutet, so dass der Pontifex maximus und die Vestalinnen sich im dritten Akt entschließen, ihre Zustimmung dazu zu geben, dass Julia Licinius heiraten kann.

 

Die Regisseurin Lydia Steier stellt gleich zu Beginn ihrer Inszenierung klar, dass sie kein antikes Stück, kein antikes Rom auf die Bühne bringen will, sondern ein modernes sadistisches bzw. faschistisches Drama als ein Stück über Gewalt gegen Frauen. Keine jungfräulichen Priesterinnen der Antike  treten auf, sondern nonnenartige, schwarz verhüllte  oder gar in schwarzen Hosenanzüge  gewandete, verhärmte  weibliche Wesen. Die  Priesterinnen des Vesta-Feuer-Kultes sind lebendig begrabene, jungfräuliche, unterdrückte Frauen, geopfert Staat  und Kirche.


Lydia Steier ließ sich bei ihrer Konzeption inspirieren von den Innenarchitekturen der Mormonen und von dem Roman „The Hansmaid’s Tale“ von Margaret Ashwood. Das Thema Religion und Militarismus lässt  sie allerdings auch  über theokratische Regierungen islamischer Staaten  nachdenken.  Das Thema stellt sie  ins Zentrum des Stücks, jedoch ohne alle szenische Islamkritik.  Die theokratische Regierung in dem Roman der Ashwood spielt an der Harvard University in Boston. Als Reverenz an den Ort der  Erstaufführung dieser Kooperations-Produktion  (in Paris 2024) hat  sie ihren Bühnenbildner Etienne Pluss allerdings das Amphitheater  der Universität Sorbonne als Bühnenraum nachbauen lassen, davor schiebt sich  immer wieder eine schwarze  Betonwand,  an der Hingerichtete  aufgehängt werden.   Und immer prangt auf  Wänden und Vorhängen bzw. Schleiern die  totalitäre  Devise, das Motto „Talis est ordo deorum“ (So ist die Ordnung /der  Wille der Götter.) Frei nach Cicero. Gewalt, Blut und Tod beherrschen die Szene,  man sieht eine schwarzgewandete Soldateska mit Maschinengewehren, man wohnt einer  martialischen Bücherverbrennung bei und sieht leere Bücherregale. Auch werden nackte, blutverschmierte  Opfer der religiösen Machthaber  am Pranger  auf Wagen hereingezogen.  Begleitende schwarze Todes-Schergen mit verschleierten Gesichtern und spitzen Hüten lassen an den Geheimbund Ku-Klux-Klan denken.  Es ist eine Gesellschaft, in der es nur Schwarz  und Weiß gibt, was es der Kostümbildnerin Katharina Schlipf leicht macht.  „Alle Beziehungen zwischen Menschen, die wir untersuchen, sind in Grautönen gehalten, wie im wirklichen Leben“, betont die Regisseurin im   Programmheft. Sie wolle das Publikum der Gegenwart ansprechen und der Gegenwart einen Spiegel vorhalten. “Für mich gibt  es keinen Grund, eine Oper. aufzuführen, wenn. Sie uns nicht dazu  anregt, über unser eigene Welt im Hier und  Jetzt nachzudenken.“ Schön und gut, aber. Sie macht aus  dem in Rom spielenden  Stück über Pflicht und  Liebe ein politisches Lehrdrama über Gewalt  und krude theokratische Machtausübung. Die Mechanismen der Macht sind immer dieselben, suggeriert die Regisseurin, die das lieto fine der Oper Lügen straft, indem sie den Freund des Licinius,  Cinna, zu einem neuen Machthaber  mutieren lässt, wird, der am Ende Licinius, Julia  sowie deren Anhänger erschießen lässt. Er selbst  krönt sich indessen. Die Musik, die  Ende gut, alles gut meint, wirkt da nur noch unglaubwürdig, ja ironisch. So ist sie aber nicht gemeint.


Die Inszenierung enthält dem Publikum das eigentliche Stück vor und zeigt stattdessen einen plakativen Kommentar mit überflüssigen Videos von Etienne Guiol, hyperaktiven Chorszenen, quasi religiösen Ritualen und Prozessionen sowie überflüssige Videos über Kriege, Faschismus und  Massen, die das Stück keineswegs erhellen, sondern eher  verrätseln.  Am eklatantesten ist das finale Hereintragen einer übergroßen, vergoldeten Marienstatue,  bevor das böse Ende kommt, das so nicht in der Partitur steht.


Dem gewiss verdienten Dirigenten Carlo Rizzi ist die schwierige Aufgabe anvertraut worden, das  Stück musikalisch zu realisieren. Er ist daran, mit Verlaub gesagt, gescheitert, denn er hat es nicht verstanden, den Patchwork-Charakter der Musik Spontinis als überzeugenden Stil hörbar zu machen. Stattdessen viel Lärm, martialisch aufgedonnerte Klangballungen und  konventionelle Herangehensweise an diese Musik des Nichtmehr  und Nochnicht.

 

Man vergesse nicht: „La Vestale“ ist ein Werk des Übergangs. Vielleicht darf man von einer  Mixtur aus italienischer Opera Seria à la Gluck, französischer Tragédie lyrique, einem „Schuss“ Rossini’scher Rhythmik und Dynamik, sowie Elementen der viel späteren „Grand Opéra“ sprechen. Das machte das Werk so inkommensurabel.


Rizzi  gelingt es nicht, diese – damals als neuartig empfundene-  Musik als originell und überzeugend zu beglaubigen. Seine Lesart ist lärmend, pompös, schwerfällig, ohne Esprit und tieferes Verständnis für  Spontini. Diese Musik ist zwar nach Anhören der Lesart  Rizzis sophisticated, im Detail hochinteressant und ungewöhnlich, um nicht zu sagen auch zukunftsweisend,  aber nur an wenigen Stellen wirklich berührend.


Auch die sängerische Besetzung ist nicht wirklich beglückend. Die Frauen  sind noch am beeindruckendsten. Die Bulgarin Sonya Yoncheva singt  eine hochexpressive Julia, die russische Mezzosopranistin Marina Prudenskaya eine respektgebietende Grande Vestale. Doch beide Frauen verstehen die Interpretationen ihrer Rollen  vor  allem als zu lautes Singen mit hochdramatischer Tendenz zum Schreien. Die beiden Tenöre der Besetzung sind sehr unterschiedlich. Der britische Tenor David Butt Philip in der Rolle des Licinius ist, mit Verlaub gesagt, eine Nummer zu klein für den römischen Helden, auch hat er ein unschönes Timbre und kann mit dem südafrikanischen (bemerkenswerten) Tenor Siyabonga Maqungho  als Cinna nicht  mithalten. Ordentlich ist der rumänische Bassist Adrian Sâmpetrean als Pontifex. Der Staatsopernchor (Leitung Danis Juris) und die Staatskapelle Berlin waren schon besser im Form. Unterm Strich eine Enttäuschung


Rezensionen auch in "Der Opernfreund" und in "Oper & Tanz"

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