Musik-Theater & mehr

Photo: Opernhaus Zürich KEYSTONE/ANDREAS BECKER
Über das (Ein-) Schlafen in der Oper
Was Calaf in Puccinis Oper „Turandot ( zuversichtlich ob seines Inkognitos) singt, “Nessun dorma“ (keiner schlafe), aber die Aufforderung ist nicht ans geneigte Opernpublikum gerichtet, sondern an die Bevölkerung von Peking auf der Bühne.
Die Oper war schon immer ein Ort, an dem sich gut schlafen lässt. Die Dunkelheit, die Wärme, die Musik, die Entspannung infolge des langen Sitzens , die oft lange Dauer der Werke sind dazu angetan, einen müden Menschen einnicken zu lassen, zumal wenn die Musik leise wird. Ganz zu schweigen von der Monotonie langweiliger Inszenierungen oder musikalisch-sängerischer Darbietungen. Auch sie fördern die Bereitschaft, sich Morpheus, dem Gott des Schlafes und der Träume, zu ergeben. Der Opernfreund kennt das Phänomen.
Mit sogenannten „Sleep Concerts“, beispielsweise im Teatro Donizetti in Bergamo, hat man der Einschlafbereitschaft im Theater Rechnung getragen, die Zuhörer/Zuschauer mit Bettlaken und Kissen ausgerüstet, und ihnen eine Gute Nacht gewünscht. Mindestes 8 Stunden dauern diese Konzerte, bei denen sich die „Musik als das perfekte Bettsystem“ erweist, wie die Manifattura Falomo behauptet. Sogar in Berlin und anderswo machten Einschlaf-Theater von sich reden. Im Opernhaus Zürich darf das Publikum erstmals zu bestimmten Anlässen (Eröffnungsfest) sogar mit mitgebrachten Schlafsäcken oder Decken auf der Hauptbühne zwischen den Kulissen nächtigen.
Was Komponisten darüber denken, sei dahingestellt. Musik als bloßes Schlafmittel ist nicht gerade ein Kompliment und ignorant gegenüber ihrer Kunst, die bei wachem Verstand ernst genommen werden will.
Doch man muss zugeben: Musik rührt uns zu Tränen und lässt unsere Herzen heftiger schlagen, aber Musik lässt uns auch gern einschlafen. Das war seit je so. Wer hätte sich nicht selbst ab und an erwischt, in der Oper eingeschlafen zu sein. Und selbst namhafte Kritiker machen oftmals nach der Ouvertüre die Augen zu, um sie erst zum Schlussapplaus wieder zu öffnen, was sie nicht daran hindert, frenetischen Beifall zu klatschen und eine Hymne zu schreiben, obwohl sie die meiste Zeit (zur Pein der Nachbarn auch noch schnarchend) geschlafen haben und gar nicht beurteilen können, was sie auf der Bühne (nicht) gesehen haben.
Die Angelsachsen wussten es immer schon, dass es sich in der Oper am besten schlafen lässt. Nicht ohne Grund hat Oscar Wilde das ironische Bonmot hinterlassen: „Wagners Opern sind laut genug, um die Toten aufzuwecken, aber nicht interessant genug, um die Lebenden wachzuhalten.“
Der Schlaf, aber auch das Einschlafen ist nicht nur ein Thema für Mediziner oder Psychologen. Auch und gerade in der Musik war der Schlaf schon immer ein wichtiges Thema, in Konzert, Oratorium wie in der Oper.
Johann Sebastian Bach hat für den Grafen Hermann Carl von Keyserlingk eine Arie mit 30 Variationen geschrieben. Der Graf hatte sie in Auftrag gegeben zur Linderung seiner quälenden Schlaflosigkeit. Johann Theophil Goldberg, ein Schüler Bachs, musste dem Grafen diese seither so genannten Goldberg-Variationen immer wieder vorspielen. – Man sieht an diesem Beispiel: Der Mensch braucht den Schlaf zum Leben wie die Luft zum Atmen. Selbst dem Jesuskind in der Krippe wird, wie man Bachs Weihnachtsoratorium entnehmen kann, gesungen: „Schlafe, mein Liebster, genieße der Ruh.“
Einen Großteil seines Lebens verschläft der Mensch. Schlaf ist die einfachste Sache der Welt. Wer müde ist, legt sich hin, schließt die Augen, schläft, und wacht danach (meist) erholt wieder auf. Schlaf ist wichtig, ist gesund, ist heilsam! Wer zu wenig schläft, lebt gefährlich. Die „Heilwirkung“ des Schlafes ist in der Weimarer Klassik oft die Rede, aber schon die alten Griechen beschworen sie. Auch die Komponisten waren von je mit dieser Weisheit vertraut. Kein Wunder, dass sie - seit Menschengedenken - Schlaflieder schrieben, Lieder zum Einschlafen, zum häuslichen Gebrauch, als Kunstlied wie in der Oper.
Schon in einer der ersten Opern, in Monteverdis "Krönung der Poppea" kommt der Schlaf zu seinem Recht, denn die rastlos ehrgeizige Prostituierte Poppea kommt auf ihrem durchs Bett führenden Weg zur Kaiserkrone nicht umhin, gelegentlich zu schlafen. Sorgsam wird sie von ihrer Amme Arnalta behütet und in den Schlaf gesungen, denn Arnalta weiß, dass Mächtige gefährlich schlafen: „Leg dich hin, Poppea, Poppea, mein Herz, ruh Dich aus, Du bist gut bewacht.“ Während Poppea schläft, tritt Gott Amor auf und besingt die Gefahren des Schlafens: "So leben die Menschen im Dunkel, und sie glauben, sie seien vor jeder Gefahr sicher, sobald sie die Augen schließen." Im Schlaf kommen aber nicht nur die üblen Träume, sondern auch die Mörder, wie der Liebesgott Amor besingt. Einen Trost hat er für die arglosen Menschen: "Während Du in schläfrige Vergesslichkeit sinkst, bewachen die Götter Deinen Schlaf!"
Was in der Antike die Götter persönlich besorgen, bewerkstelligen die Engel im Christentum. Engelbert Humperdinck lässt sie in seiner Oper "Hänsel und Gretel" sogar auf einer Himmelsleiter herabsteigen, um die beiden verirrten, in Schlaf sinkenden Kinder im Wald zu beschützen. Humperdincks „Abendsegen“ mit der anschließenden „Traumpantomime“ gehört zu den schönsten Schlafmusiken, an denen die Musik- und Operngeschichte nicht eben arm ist.
Man denke nur an Lullys „Schlafarie“ bzw. Schlafszene im dritten Akt seiner Oper „Atys“ („Dormons, dormons tous“ „Lasst uns schlafen, lasst uns alle schlafen“), an die Schlummerszene („Che puro ciel“) in Glucks „Orfeo ed Euridice“ oder an die Schlafwandelszene „Ah! non credea mirarti“ der Amina aus Bellins Oper „La sonnambula“ Aber auch die vielen Schlummerlieder, etwa für Laute geschrieben im England der Renaissance, fürs Klavier im 19. Jahrhundert, in Frankreich wie in Deutschland in der Romantik beglaubigen die Bedeutung des Schlafens in der Musik.
Zum Schlafen gehört naturgemäß das Träumen. Die Oper ist voll von Träumen. Aber Träumen ist auch Wachen. Und „Wachen (ist) Walten des Wissens“. So heißt es jedenfalls bei der Urwala Erda in Richard Wagners "Ring des Nibelungen". Erda ist eine der archaischsten Muttergottgestalten der Opernbühne, die dem Schlaf philosophische Würde und elementare Gewalt verleiht. Selbst Gott Wotan kann sich gegen die erdmütterliche Macht des Schlafes nicht wehren. Die Worte "Schlaf verschließe mein Wissen" schleudert Erda dem so wiss- wie machtgierig scheiternden, tragischen Gott im dritten Teil des Rings, im "Siegfried", entgegen und versinkt vor seinen Augen langsam in der Erde. Wenn Wagner selbst die Musik der Wellenbewegungen im "Rheingold", dem Auftakt seins "Rings" ein "Wiegenlied der Welt" nannte, darf man Erda im "Siegfried" wohl als die Amme der Welt bezeichnen. Dass Schlaf kein sicheres, eher ein trügerisches Verhalten (der besitzenden Klasse) ist, lernt man durch den in einen Drachen verwandelten Riesen Fafner im „Siegfried.“ Er sitzt auf dem „Nibelungenhort“ und hortet seinen Reichtum. „Ich lieg und besitz: lasst mich schlafen!“ Umsonst: Siegfried weckt ihn, nimmt ihm das Leben und seinen Besitz. Also, immer wachsam sein!
Die inbrünstigste Vertonung des menschlichen Bedürfnisses nach Schlaf zur Aufhebung aller gesellschaftlichen Schranken - zur Verwirklichung der Liebe im Jenseits - hat Richard Wagner in "Tristan und Isolde" komponiert, in seinem "Opus metaphysicum", wie der Philosoph Fridrich Nietzsche das beispiellose Wort-Ton-Drama nannte. Was Schopenhauer formulierte, „Der Tod ist ein Schlaf, in welchem die Individualität vergessen wird,“ hat Wagner musikdramatisch zum Exempel erhoben. Tristan und Isolde wollen die Grenzen ihrer individuellen Unterschiede überwinden. Sie erstreben die nach Schopenhauer so gepriesene Auflösung der Ich-Grenzen, einen Zustand der leidenschaftsbedingten Selbstvergessenheit, und beschließen zusammen den gemeinsamen Tod, um sich jenen vollkommenen Zustand der Liebe auf Ewig zu erhalten. Klappt nur leider nicht!
Wie auch immer: Die Musik besingt den Schlaf unermüdlich und in allen Gattungen aller Zeiten, weil die Komponisten um die Schlaflosigkeit wie Schlafbedürftigkeit des Menschen wissen. Sie kannten aber seit je ein sicheres therapeutisches Mittel gegen die Schlaflosigkeit: die Musik! Zum nächtlichen Schlaf gehört - im Unterschied zum Ewigen Schlaf, dem Tod, naturgemäß das Aufwachen.
Auch das ist Teil des großen, schönen, vielfältigen Themas "Schlaf", das von Bach bis Britten, von Purcell bis Bruckner, Wagner bis Strauss und weit darüber hinaus immer wieder aufgegriffen wurde.
Was besser sei, Erwachen oder Einschlafen, Musik oder Stille, das ist Frage, die sich die Komponisten immer aufs Neue stellen und je unterschiedlich beantworteten. Wie auch immer: Wer (selbst unter den Musikliebhabern) könnte nicht manchmal - dem mit einem sehr sensiblen Gehör ausgestatteten - Sir Henri Morosus, Protagonist der Strauss-Oper „Die schweigsame Frau“, für den Musik vor allem „Krach“ ist, ernsthaft widersprechen, dessen letzte Worte seines Schlussgesanges lauten „Wie schön ist doch die Musik, aber wie schön erst, wenn sie vorbei ist.“