Musik-Theater & mehr

(Karikatur von Émile Bayard, 1860)
Benehmen in der Oper
Im 17. und 18. Jahrhundert war Oper in erster Linie das geistreiche Vergnügen eines elitären, gebildeten Publikums. Es waren Aristokraten, die sich im festlichen Glanz der Kunstform Oper spiegelten und sonnten. Venedig und Hamburg mit ihrem frühen bürgerlichen Theater bildeten eine Ausnahme.
Zeitgenossen wie Charles Burney oder Johann Friedrich von Uffenbach, die berühmtesten Musikreisenden des 18. Jahrhunderts, berichten in ihren Reisetagebüchern von unvorstellbaren Zuständen im Zuschauerraum, vom Schweißgeruch, vom Kerzenruß, vom lautstarken Gerede, auch davon, wie man ungeniert Hähnchenknochen und andere Essensreste von den teuren Balkonen ins billige Parkett warf. Egal, ob in Neapel, Venedig, Dresden oder Hamburg.
Ein alter Theaterfuchs hat es einmal auf die Formel gebracht: "Früher war die Oper snobistisch. Heute ist sie proletenhaft." Das gelte fürs Publikum wie für die Regisseure, für die Ästhetik auf der Bühne wie für die Umgangsformen im Zuschauerraum. Seit es keine gültigen Regeln des "Anstands" und keinen verbindlichen Dresscode mehr gibt und seit das, was das Bürgertum einmal als "Bildungsgut" bezeichnete, von der breiten Masse nicht mehr als Wert an sich geschätzt wird, sind gesittete Umgangsformen in der Oper Tabu. Die Lockerung der Kleiderordnung mag man als Erleichterung empfinden. Ein Opernbesuch soll ja kein Zwang sein. Doch schamlose Handybenutzung, ungeniert lautes Husten oder der Griff zur mitgebrachten Pulle (selbst sogenannte Damn befleißigen sich gelegentlich dieser Unart) während der Aufführung - sind Indizien für zunehmende Rücksichtslosigkeit und Unhöflichkeit des heutigen Publikums. Nur selten begrüßt noch Jemand seinen Platznachbarn. Und Zuspätkommende wenden den für sie Aufstehenden zumeist ihren Allerwertesten zu. Früher ging am face to face in die Sitzreihen und begrüßte sich, zumindest den Sitznachbarn
Erst eigentlich im frühen 19. Jahrhundert, als das erstarkende Bürgertum sich seines wachsenden Selbstbewusstseins in der Kunstform der Oper versicherte, zogen sogenannte "feine Manieren" in den Zuschauerraum ein: Stille und Konzentration aufs Kunstwerk. Die Oper als Bildungsveranstaltung war seit der Aufklärung Medium gesellschaftlicher Emanzipation geworden, mit Schiller zu sprechen, "moralische Anstalt" zur Verbesserung des Menschen.
Richard Wagner hat mit seinem "Parsifal" endgültig Oper als "Kunstreligion" etabliert. Und zugleich das andächtige, ehrfurchtsvolle Schweigen im abgedunkelten Zuschauerraum. Was das Publikum aber nicht daran hindern sollte, nach den Akten seines "Bühnenweihfestspiels" klatschend Beifall zu zollen.
Zurecht hat Oscar Bie die Oper als "unmögliches Kunstwerk" bezeichnet. Weil sie die Gesetze von Raum und Zeit, von Kausalität und Glaubwürdigkeit aufhebe. Die Oper ist "ein Irrenhaus", in dem alles möglich ist. Kein Wunder, dass Insassen wie Besucher über die Stränge schlagen. Auch beim Thema Umgangsformen und Applaus.
Vor einigen Jahren hat der argentinisch-israelisch-spanisch-palästinensische Pianist und Dirigent sich zu diesem Thema zu Wort gemeldet. Der Pultstar, ein rechter Hans Dampf in allen Gassen des internationalen Opern- und Konzertbusiness, ist noch nie souverän mit Kritik umgegangen, ob in Paris, wo er wenig Fortüne hatte, in Mailand, wo ihm von Anfang an mehr Buhs als Bravi entgegenbrandeten oder in Chicago, wo er auch nicht nur geliebt wurde, wie Insider des Musikbusiness zu berichten wissen. Nur in Berlin, wo er 1992 dank des Einsatzes des damaligen Bundespräsidenten zum aufsehenerregend teuren Künstlerischen Leiter der Lindenoper und zum GMD der Berliner Staatskapelle bestallt wurde, wie man in den Memoiren des damaligen Kultursenators nachlesen kann, wagte man bis heute nicht, ihn zu kritisieren, schon aus political correctness. Das hat sich im Laufe der Jahre seines nicht unumstrittenen Wirkens an der Spree geändert.
Ausgerechnet bei Wagners "Parsifal", dem Herzensstück des Dirigenten, wagte das hauptstädtische Publikum bei den Wagnerfesttagen 2015, den Maestro mit Buhs abzustrafen, wie man in der Lokalpresse nachlesen kann. Ein unerhörter Tabubruch für den von sich selbst so überzeugten Maestro. In einem Interview der Deutschen Presse Agentur hat er sich Luft gemacht: Buhrufe in der Oper seien primitiv und total unnötig, so Barenboim. Jeder Sänger gebe auf der Bühne sein Bestes. Das darf man ja wohl auch erwarten! Sie werden schließlich bestens bezahlt. Aber sein Bestes geben ist nicht immer gut genug! Auch für Dirigenten gilt das. Und für Regisseure. Daniel Barenboim gehört zu den Spitzenverdienern der internationalen Dirigentenriege. Auch er lebt von der Gnade und dem Geld des geneigten Publikums (und der subventionierenden öffentlichen Hand). Er sollte respektieren, dass das Publikum ein Recht auf freie Meinungs- und das ist eben auch Unmutsäußerung hat. Oper und Konzert sind schließlich nicht Gottesdienst, auch wenn im 19. Jahrhundert Musik zur Ersatzreligion, die Rolle des Dirigenten zum genialischen Hohenpriester und Opern- bzw. Konzertbesuche zu messähnlichen Ritualen aufgewertet wurden.
Doch selbst Richard Wagner, Exponent jener fragwürdigen Kunstreligion, ließ die Kirche im Dorf und erklärte jegliches Klatsch- und also auch Buhverbot im "Parsifal" für absurd, was viele Wagnerianer bis heute nicht wahrhaben wollen.
Der Theatermann Wagner wusste eben: Oper ist Theater, ist menschliche Kommunikation. Und die lebt seit je von Kontroversen und Meinungsverschiedenheiten, Zustimmung wie Kritik. Da kann es schon mal hoch hergehen. Manchmal platzt dem Publikum der Kragen. Warum eigentlich ist, wie Daniel Barenboim behauptet, dass Buhrufen in der Oper „out of place“ ? Er sollte doch wissen, dass gerade die Oper der prädestinierte Ort für hochfliegende Emotionen ist, auf der Bühne, im Graben und im Zuschauerraum. Wer öfter in Italien in die Oper geht, weiß, wie hoch die Emotionen im Zuschauerraum fliegen können. Doch das ist ein Indiz für die Lebendigkeit und Engagiertheit des Publikums. Im Übrigen sind Buhs kein Wunder angesichts dessen, was Regisseure, Sänger und Dirigenten dem geneigten Publikum immer öfter zumuten, heutzutage.
Wer einen Blick die Vergangenheit wagt, wird gewahr, dass das Repertoire der Publikumsreaktionen früher wesentlich breiter und heftiger war als heute. Dagegen sind Bravo- wie Buhrufe geradezu harmlos. Im achtzehnten Jahrhundert war es selbst an ersten Häusern Europas durchaus üblich, dass das enttäuschte Publikum (das in der Oper selbstverständlich aß) nicht nur mit Orangen, sondern auch mit Tomaten, Eiern, Hühnchenknochen oder Sonstigem nach den Künstlern warf, von Kraftausdrücken, Schimpftiraden und wüstem Geschrei zu schweigen. Diese Zeiten sind gottlob vorbei. Es ist allerdings nur zu verständlich, wenn heutige Dirigenten immer rücksichtsloseres Gebaren des Publikum beklagen. Ein Minimum an Benehmen darf man erwarten, aus Respekt vor der Kunst, aber auch aus Respekt dem für seinen Kunstgenuss zahlenden Nachbarn. Es kann nicht gutgeheißen werden, dass das Publikum, kaum dass das Licht ausgeht, knisternd Bonbons auswickelt oder mit möglichst weit geöffnetem Mund lautstark und ungeniert drauflos hustet, dass es sich während der Vorstellung ungeniert unterhält, die mitgeführte Wasser- oder Bierflasche zum Mund führt oder gar twittert, chattet, simst und telefoniert. Aber wenn der Vorhang gefallen ist, dann hat das Publikum ein Recht auf freie Meinungsäußerung, also auch darauf, seinem Unmut Luft zu machen!
Auch Barenboims rhetorische Frage "Wenn Sie in ein sehr gutes Restaurant gehen und das Essen gefällt Ihnen nicht, gehen Sie dann in die Küche und schreien den Koch an?" greift zu kurz, denn im Restaurant oder in der Küche steht man dem Koch direkt gegenüber und muss sich nicht schreiend Gehör verschaffen. Im Opernhaus bedarf es schon phonstärkerer Äußerungen, um vom hintersten Patz noch an der Rampe gehört zu werden. Und Buhrufe haben wie Bravorufe eine lange Tradition. Bravorufe sind übrigens ebenso primitiv und vulgär wie Buhrufe, nur werden sie selbst von Daniel Barenboim akzeptiert, weil sie zustimmend sind und dem Künstlerego schmeicheln. Und was heißt schon primitiv und vulgär?
Das Publikum hat schließlich kaum eine andere Chance, sich Gehör zu verschaffen, als mit signal-, ja leuchtraketenhaften Bravos und Buhs, denn Dirigenten und Sänger sind, je hochkarätiger sie gehandelt werden, desto unansprechbarer fürs gemeine Publikum, abgeschottet im Elfenbeinturm ihrer zweifellos extrem anstrengenden, oft aber auch narzisstisch überspannten Künstlerexistenz.
Freilich, die wirklich Großen und Souveränen unter den Künstlern, sie schimpfen das buhende Publikum nicht vulgär oder primitiv, sondern nehmen Kritik, wie sie auch geäußert wird, ernst, sie gehen in sich, üben Selbstkritik – oder ignorieren Kritik. Vielleicht deshalb haben die Berliner Philharmoniker zuletzt keinen selbstherrlich und autoritär auftretenden Dirigenten aus dem Club der Teuersten zum Nachfolger von Sir Simon Rattle gewählt, sondern einen Außenseiter wie Kirill Petrenko. Ihm sind Personenkult, Selbstüberschätzung und Pultstarallüren fremd. Statt auf Arroganz setzt er auf Demut. Nicht die schlechteste Tugend für einen Dirigenten.